U5 FREIHEITSLINIE

Nächster Halt Freiheit? –
Eine urbane Ausstellung entlang der U5

1848. 1918/19. 1953. 1989.
Demokratie und Freiheit sind für uns heute selbstverständlich. Aber sie mussten und müssen immer wieder erkämpft und verteidigt werden. An die bedeutendsten Momente und Orte dieser Geschichte in Berlin erinnert die Ausstellung an ausgewählten U-Bahnhöfen der Linie U5 zwischen Alexanderplatz und Magdalenenstraße sowie im Stadtraum vor dem Roten Rathaus.

Wenn ich sagen soll, was mir neben dem Frieden wichtiger sei als alles andere, dann lautet meine Antwort ohne Wenn und Aber: Freiheit. Willy Brandt am 14. Juni 1987
FREIHEITSLINIE U5

Reichstag

Vom Westbalkon des Reichstags ruft Philipp Scheidemann am 9. November 1918 die erste deutsche Republik aus.

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Das Reichstagsgebäude ist seit 1894 Sitz des deutschen Parlaments. Es blickt wie die Demokratie- und Freiheitsbewegung auf eine wechselvolle Geschichte zurück. In der Folge der Märzrevolution 1848 wird in Deutschland erstmals eine parlamentarische Mitbestimmung eingeführt. Doch erst 1918 entsteht eine parlamentarische Demokratie. Sie wird am 9. November 1918 von Philipp Scheidemann von einem Balkon des Reichstages ausgerufen.

»Das Alte und Morsche, die Monarchie, hat abgedankt, das Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt!« Philipp Scheidemann am 9. November 1918
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Im Februar 1933 brennt das Reichstagsgebäude. Die Nationalsozialisten nutzen den Vorfall, um den frei gewählten Reichstag aufzulösen und eine Diktatur aufzubauen, die den Zweiten Weltkrieg entfesselt sowie die systematische Ermordung der europäischen Juden plant und umsetzt.

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© Bundesarchiv / public domain

Nach Kriegsende werden Deutschland und Berlin geteilt. Das schwer zerstörte Reichstagsgebäude liegt nun in West-Berlin. Unmittelbar hinter dem Reichstag verläuft die Grenze nach Ost-Berlin. Die Parlamente der beiden deutschen Staaten befinden sich im Ostteil der Stadt und in Bonn. Der westdeutsche Bundestag tritt nur zu besonderen Anlässen in West-Berlin zusammen, nach 1971 zu Arbeitssitzungen auch im notdürftig instand gesetzten Reichstagsgebäude.

Das geteilte Berlin ist ein Konfliktherd des Kalten Krieges. Im Juni 1948 verhängt die Sowjetunion eine Blockade über West-Berlin. Vor dem Reichstagsgebäude versammeln sich tausende Menschen zu einer Kundgebung. Der West-Berliner Bürgermeister Ernst Reuter fordert Solidarität mit der eingeschlossenen Stadt. Seine Worte „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“, gehen in die Geschichte ein.

Das Reichstagsgebäude liegt unmittelbar an der Grenze zu Ost-Berlin. Mehrere Menschen kommen bei dem Versuch, über die Spree nach West-Berlin zu fliehen, ums Leben. An sie erinnern seit 1971 weiße Kreuze am Reichstagsufer. Nach dem Mauerfall am 9. November 1989 werden die Sperranlagen abgebaut.

Stiftung Berliner Mauer, Foto: Lothar Kruse +
Stiftung Berliner Mauer, Foto: Lothar Kruse

Am 4. Oktober 1990 kommt das erste deutsch-deutsche Nachkriegsparlament, zusammengesetzt aus Bundestag und Volkskammer, im Reichstagsgebäude zusammen. Knapp drei Monate später konstituiert sich nach gesamtdeutschen Wahlen die neue gemeinsame Volksvertretung.

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Brandenburger Tor

Wahrzeichen Berlins und Nationalsymbol: Das Brandenburger Tor.

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© Bundesstiftung Aufarbeitung, Klaus Mehner, Bild 89_1110_POL_DDR-Wende_01
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Stiftung Berliner Mauer, Foto: Lothar Kruse +
Stiftung Berliner Mauer, Foto: Lothar Kruse

Das Brandenburger Tor ist das bekannteste Wahrzeichen Berlins und deutsches Nationalsymbol zugleich. Nach dem Zweiten Weltkrieg und Gründung der beiden deutschen Staaten liegt es an der Grenze zwischen Ost- und West-Berlin. Es wird damit auch zu einem Symbol der Teilung.

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Anfang 1953 befindet sich die DDR in einer tiefen Krise. Der Aufbau der SED-Diktatur geht mit innenpolitischen Repressionen einher. Die einseitige Wirtschaftspolitik hat massive Versorgungsschwierigkeiten zur Folge. Zahlreiche Menschen flüchten deshalb in den Westen. Die Moskauer Führung zwingt die SED Anfang Juni 1953, politische und wirtschaftliche Erleichterungen durchzusetzen. Ausgenommen bleiben aber die überhöhten Leistungsforderungen für Arbeiterinnen und Arbeiter. An dieser Frage entzündet sich am 17. Juni ein landesweiter Aufstand.

Die Erhebung wird gewaltsam niedergeschlagen. In Ost-Berlin verhängt der sowjetische Militärkommandant den Ausnahmezustand und setzt Militär gegen die Demonstrantinnen und Demonstranten ein.

Ich wusste immer: Irgendwann spielen wir drüben, und die Scheißmauer bleibt auch nicht ewig stehen. Die ist sowas von krank, völlig absurd, geht nicht. Udo Lindenberg, 2008

Am 6. Juni 1987 findet vor dem Reichstag in West-Berlin ein Festival statt. Popstars David Bowie, Genesis oder die Eurythmics treten auf. Das Konzert ist auch in Ost-Berlin zu hören. Fans versammeln sich Unter den Linden, Polizei und Staatssicherheit bedrängen die Menschen, die Stimmung kippt. Bald sind Sprechchöre zu hören: „Die Mauer muss weg“. Zahlreiche Menschen werden festgenommen.

„Ich habe viel mit jungen Leuten gesprochen, als ich gestern drüben war und ich glaube schon, dass einige von ihnen zum Konzert heute Abend kommen werden.“ David Bowie, 6. Juni 1987
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© NARA NAID 198505

Im Juni 1987 besucht der amerikanische Präsident Ronald Reagan West-Berlin. Er hält vor dem Brandenburger Tor eine historische Rede und fordert den damaligen sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow auf, die Teilung zu beenden. Seine Worte: »Mr. Gorbachev, open this gate. Mr. Gorbachev, tear down this wall!« (»Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor. Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!«) gehen in die Geschichte ein.

Am 22. Dezember 1989 wird das Brandenburger Tor nach 28 Jahren Teilung wieder geöffnet. Am Festakt nehmen mit Bundeskanzler Helmut Kohl und den ehemaligen Bundespräsidenten Karl Carstens und Walter Scheel Vertreter aus Westdeutschland teil. Für die DDR ist der Regierungschef Hans Modrow bei der Zeremonie anwesend. Tausende Berlinerinnen und Berliner wohnen diesem historischen Ereignis bei.

fotogoocom / wikimedia commons +
fotogoocom / wikimedia commons

Am 18. März 2000 wird der Platz westlich des Brandenburger Tores in "Platz des 18. März" umbenannt. Eine Bürgerinitiative fordert seit langem die Umbenennung, um an den Freiheitskampf von 1848 zu erinnern. „Platz des 18. März“ heißt der Platz heute und erinnert an den Freiheitskampf während der Märzrevolution von 1848 sowie an den Tag der ersten freien Wahlen in der DDR 1990.

Schloß­platz

Am 4. November 1989 wird der Palast der Republik zum Schauplatz von Protesten.

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© Bundesstiftung Aufarbeitung, Klaus Mehner, Bild 89_1104_POL-Demo_43
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Das Berliner Stadtschloss und sein Nachfolgebau, der Palast der Republik, waren Schauplatz zahlreicher Kämpfe für Freiheit und Demokratie.
Das Schloss ist bis 1918 Sitz der preußischen Könige und später der deutschen Kaiser. Während der Revolution 1848 fordern tausende Berlinerinnen und Berliner vor dem Stadtschloss demokratische Mitbestimmungsrechte. Der damalige preußische König versucht durch Zugeständnisse die aufgebrachten Massen zu beruhigen, lässt den Schlossplatz dann aber gewaltsam räumen. Im gesamten Stadtgebiet kommt es in der Folge zu Kämpfen zwischen den Revolutionären und königlichen Truppen, bei denen vielen hundert Menschen sterben.

Mit der Novemberrevolution 1918 wird die deutsche Monarchie gestürzt. Während am 9. November 1918 vor dem Reichstag eine parlamentarische Republik proklamiert wird, ruft der Sozialist Karl Liebknecht am Stadtschloss eine Räterepublik aus. Über die Frage der künftigen Staatsform kommt es in den folgenden Monaten zu heftigen, auch bewaffneten Auseinandersetzungen. Unter anderem fordern die Kämpfe um das Stadtschloss in den Weihnachtstagen 1918 mehr als 70 Tote.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Gründung der DDR wird die Ruine des Stadtschlosses abgerissen. Die SED lässt an dieser Stelle den Palast der Republik errichten. Hier tagt das ostdeutsche Scheinparlament, die Volkskammer. Am 7. Oktober 1989 findet im Palast die offizielle Feier zum 40. Jahrestag der DDR statt. Gleichzeitig formiert sich vor dem Gebäude die größte spontane Protestkundgebung seit dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953.

„Wenn ich sagen soll, was mir neben dem Frieden wichtiger sei als alles andere, dann lautet meine Antwort ohne Wenn und Aber: Freiheit.“ Willy Brandt am 14. Juni 1987

Von 1973 bis 1976 erbaut, prägt der Palast der Republik mit seiner markanten Fassade das Machtzentrum der DDR. Neben dem Palast befinden sich um den ehemaligen Schlossplatz herum auch der Regierungssitz sowie die Zentrale der kommunistischen Staatspartei SED.

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© Robert-Havemann-Gesellschaft / Nikolaus Becker

Am 7. Oktober 1989 findet im Palast der Republik die offizielle Feier zum 40. Jahrestag der DDR statt. Gleichzeitig formiert sich vor dem Gebäude die größte Protestkundgebung seit dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in Ost-Berlin.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Michail Gorbatschow, sowjetischer Parteichef, am 6. Oktober 1989 in Ost-Berlin

Die SED-Führung unter Erich Honecker feiert im Ost-Berliner Palast der Republik den 40. Jahrestag der DDR-Gründung mit zahlreichen ausländischen Staatsgästen, darunter dem sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow. Er ermahnt die ostdeutschen Genossen, sich Reformen nicht zu verschließen. Aus der Übersetzung des Dolmetschers wird das geflügelte Wort: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben".

Drinnen: Staatsbankett mit Vertretern der sozialistischen Bruderländer - draußen: lautstarke Demonstrationen tausender Menschen für Freiheit und politische Reformen. "Gorbi hilf uns!", "Freiheit!", "Demokratie - Jetzt oder nie!" oder auch "Stasi raus!" schallt es den Gästen der Geburtstagsfeier entgegen. Die Atmosphäre im Palast der Republik am Abend des 7. Oktober 1989 hat etwas Gespenstisches. Die Menüfolge des Banketts sieht ein Dessert "Surprise" vor. Und in der Tat: Überraschend bricht der Ehrengast Michail Gorbatschow vorzeitig auf und brüskiert damit die SED-Führung. Die Polizei geht mit brutaler Härte gegen die Demonstrierenden vor, Hunderte werden festgenommen. Eine Polizeikette hält die Menschen vom Palast der Republik fern.

"Wer einmal lügt dem glaubt man nicht eh er nicht mit der Lüge bricht Auch wenn er jetzt ganz anders spricht." "Wer einmal lügt dem glaubt man nicht eh er nicht mit der Lüge bricht Auch wenn er jetzt ganz anders spricht."

Am 4. November 1989 findet in Ost-Berlin die größte unabhängige Demonstration in der Geschichte der DDR statt. Protestierende ziehen über den Schlossplatz am Palast der Republik vorbei zum Alexanderplatz.

Die ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990 finden ein riesiges internationales Echo. Fernsehanstalten aus aller Welt sind mit Übertragungswagen vor dem Palast der Republik vorgefahren und berichten live. Das konservative Wahlbündnis „Allianz für Deutschland“ geht als Sieger hervor. Die Wahlen werden zugleich zur Abstimmung für eine schnelle Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Die Alternative einer Reform der DDR findet auch angesichts der ökonomischen Krise keine Mehrheit.

Nach der Wiedervereinigung wird der Palast der Republik geschlossen, das DDR-Wappen an der Fassade demontiert. Aufnahme von 1990.

Wo heute das Humboldtforum gebaut wird, stehen im September 2008 nur noch die Treppenhäuser des Palastes der Republik. 1990 wegen schwerer Asbestbelastung geschlossen, wird der Palast ab 2006 abgerissen. Rund 100 Jahre nach Liebknechts Proklamation und 30 Jahre nach dem Ende der DDR steht nun wieder ein Schloss in Berlins Mitte – eine teilweise Rekonstruktion des Originals, das die SED-Führung 1950 sprengen ließ.

Rotes Rathaus

Vor dem Roten Rathaus finden im Herbst 1989 »Berliner Sonntagsgespräche« statt.

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Günter Schabowski stellt sich am 29. Oktober 1989 den kritischen Fragen von rund 20.000 Menschen, die zum »Sonntagsgespräch« vor das Rote Rathaus gekommen sind.

Der Kommunismus wurde von den Menschen, die er zu beglücken vorgab, von der Weltbühne gefegt. Er ist wirtschaftlich gescheitert, hat sozial versagt. Er hat sich als eine blutige Diktatur erwiesen. Und er war unfähig, sich zu läutern. Günter Schabowski am 7. November 2004

Im Oktober 1989 lassen sich die Massenproteste der DDR-Bevölkerung gegen die SED-Diktatur nicht mehr unterdrücken. Die kommunistische Staatspartei ist zu einem Kurswechsel gezwungen. Eingeständnisse sollen Veränderungen vortäuschen. Die Staatspartei ist jedoch nicht bereit, ihren Machtanspruch aufzugeben. Sie versucht durch landesweite Gesprächsrunden ihre Reformbereitschaft glaubhaft zu machen. Dazu gehören die „Berliner Sonntagsgespräche.“ Sie finden am 29. Oktober 1989 erstmals vor dem Roten Rathaus statt, dem Sitz der Stadtregierung. Der damalige SED-Chef von Ost-Berlin, Günter Schabowski, stellt sich an diesem Tag den Fragen von 20.000 Menschen. Die Hoffnung, auf diese Weise den Protest zu entschärfen, erfüllt sich nicht. Die Menge erzwingt sogar eine Schweigeminute für die Opfer der deutschen Teilung.

Wenige Tage später wird die Berliner Mauer geöffnet. Dadurch wird der Machtverfall der SED beschleunigt. Der alte Staats- und Parteiapparat ist jetzt gezwungen, die Opposition an der Regierung zu beteiligen. Überall in der DDR werden deshalb auf lokaler Ebene „Runde Tische“ gebildet. Der Ost-Berliner „Runde Tisch“ tritt am 4. Dezember 1989 erstmals im Roten Rathaus zusammen. Bis zur ersten freien Kommunalwahl am 6. Mai 1990 ist er faktisch die Übergangsregierung im Ostteil der Stadt.

Alexander­platz

Barrikadenkämpfe auf dem Alexanderplatz in der Nacht vom 18. auf den 19. März 1848, kolorierte Lithografie.

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Seit über 170 Jahren steht der Alexanderplatz als Symbol für das Ringen um Freiheit und Demokratie. Während der Revolution von 1848 finden hier blutige Barrikadenkämpfe zwischen königlichen Truppen und Bürgerinnen und Bürger statt, die für demokratische Mitbestimmung kämpfen. Erstmals ist der Ruf „Wir sind das Volk!“ zu vernehmen. Schwarz, Rot und Gold sind seither die Farben der demokratischen Bewegung in Deutschland.

Mit der Novemberrevolution 1918 wird die Monarchie in Deutschland gestürzt. Der Weg zur Demokratie ist steinig. Um den Alexanderplatz liefern sich verschiedene politische Gruppen erneut erbitterte Kämpfe, die zu den blutigsten Auseinandersetzungen in der Geschichte Berlins zählen. Regierungstruppen rücken während eines Generalstreiks im März 1919 mit Panzern und Flammenwerfern auf das von linken Gruppen besetzte Polizeipräsidium am Alexanderplatz vor. Mit den bürgerkriegsartigen Ausschreitungen kommt der Krieg zurück nach Berlin.

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Am 17. Juni 1953 ziehen Demonstrierende zum Alexanderplatz. Das dort befindliche Berolina-Haus, damals Sitz der Ost-Berliner Stadtverwaltung, wird am Nachmittag gestürmt.

Mehr als dreißig Jahre später erheben sich am 17. Juni 1953 Berlinerinnen und Berliner gegen die nach Kriegsende im Ostteil der Stadt aufgebaute SED-Diktatur und protestieren auch auf dem Alexanderplatz für Freiheit und Demokratie.

„Die Freiheitsgeschichte unseres Volkes war oft eine Geschichte von Verlierern, von Versuchen, Irrtümern und auch Niederlagen. Und wir können uns unsere Vergangenheit nicht aussuchen. Aber wir können für unser eigenes Selbstbewußtsein, für die Identität unseres Gemeinwesens sehr wohl auswählen, auf welche Traditionen wir uns berufen und an welche wir anknüpfen wollen.“ Bundespräsident Roman Herzog am 18. Mai 1998

Auch in den folgenden Jahrzehnten kommt es auf dem stark frequentierten Platz – trotz aller Überwachung – immer wieder zu vereinzelten Protestaktionen. Seit Sommer 1989 versammeln sich auf dem Alexanderplatz regelmäßig einige wenige Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler, die gegen die Fälschung der Kommunalwahlen protestieren. Am 40. Jahrestag der Gründung der DDR, dem 7. Oktober 1989, nimmt von hier die größte spontane Demonstration seit 1953 ihren Weg in Richtung Palast der Republik.

Hunderttausende Bürger beteiligen sich am 4. November 1989 an der Demonstration, zu der Berliner Kulturschaffende auf Initiative der Oppositionsbewegung „Neues Forum“ eingeladen haben. Die Veranstaltung ist bei den Behörden angemeldet und genehmigt. Die SED verordnet Polizei und Staatssicherheit Zurückhaltung; sie will ihre Reformbereitschaft glaubhaft machen. Die Transparente zeigen aber, dass die Bevölkerung kein Vertrauen mehr in die Staatspartei hat.

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© Bundesstiftung Aufarbeitung, Harald Hauswald - Ostkreuz, Bild 891104hh32

Aus der Vogelperspektive: der Alexanderplatz am 4. November 1989. Eine riesige Menschenmenge versammelt sich im Zentrum Ost-Berlins, um ihren Unmut über die Politik des SED-Regimes kundzutun und den demokratischen Wandel in ihrem Staat einzufordern.

Ausstellung in der Station

Schilling­straße

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Unbeeindruckt von den Erschütterungen der letzten Monate – Aufdeckung von Wahlfälschung, Fluchtwelle und der Gründung neuer oppositioneller Bürgerbewegungen und Parteien – hält die SED an diesem Ritual fest.

Doch die Bevölkerung glaubt nicht mehr an die Inszenierung einer intakten sozialistischen Republik. Ihre Hoffnung auf Reformen verbinden viele Menschen vielmehr mit dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michail Gorbatschow. Denn dort setzt der Reformer seit 1985 ganz neue Akzente. Nur so, glaubt er, sei es möglich, die Macht der kommunistischen Partei zu erhalten und das sowjetische Imperium zu retten. Unter dem Einfluss von Glasnost und Perestrojka werden politische Reformen im gesamten Ostblock möglich. Die SED verschließt sich dem Reformkurs aber völlig.

Auf ihren geschmückten Balkonen stehen am 7. Oktober 1989 Bewohner der Karl-Marx-Allee und beobachten die Militärparade zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR. Am Abend demonstrieren Tausende unter »Gorbi hilf uns!«- und »Freiheit«-Rufen am Palast der Republik.

© Bundesstiftung Aufarbeitung, Klaus Mehner, Bild 89_1007_POL_JT40_10 +
© Bundesstiftung Aufarbeitung, Klaus Mehner, Bild 89_1007_POL_JT40_10

Als besonderer Ehrengast ist auch Michail Gorbatschow bei den Feierlichkeiten am 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin anwesend. Während die Militärparade weitgehend störungsfrei verläuft, versammeln sich in den Nachmittagsstunden auf dem Alexanderplatz immer mehr Menschen. Von dort aus setzt sich ein Protestzug in Richtung Palast der Republik in Bewegung. Die etwa 3.000 Demonstrierenden rufen in Sprechhören „Gorbi hilf uns!“, „Freiheit“ oder „Wir sind das Volk!“ Während im Palast der offizielle Empfang stattfindet, werden draußen die Demonstrantinnen und Demonstranten von der Polizei abgedrängt. In den Abendstunden gehen die Sicherheitskräfte schließlich mit brutaler Gewalt vor. Hunderte Menschen werden festgenommen.

Am Abend des 7. Oktobers gehen Sicherheitskräfte gewaltsam gegen Demonstrantinnen und Demonstranten in der Ost-Berliner Innenstadt vor, wie hier an der Mollstraße, Ecke Karl-Liebknecht-Straße. Hunderte Demonstranten werden festgenommen.

Ausstellung in der Station

Strausberger Platz

Schauplätze des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953: Schillingstraße und Strausberger Platz.

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Anfang 1953 befindet sich die DDR in einer tiefen Krise. Der Aufbau der SED-Diktatur geht mit innenpolitischen Repressionen einher. Die einseitige Wirtschaftspolitik hat massive Versorgungsschwierigkeiten zur Folge. Die Moskauer Führung zwingt die SED Anfang Juni 1953 dazu, politische und wirtschaftliche Erleichterungen durchzusetzen. Ausgenommen bleiben aber die überhöhten Leistungsforderungen für Arbeiterinnen und Arbeiter. Auf Seiten der Werktätigen führt diese Maßnahme im Juni 1953 zu heftigen Protesten. Zunächst legen sie auf zwei Großbaustellen in Ost-Berlin die Arbeit nieder. Für den 17. Juni wird ein Generalstreik ausgerufen. Schon am frühen Morgen versammeln sich tausende Menschen auf dem Strausberger Platz. Schnell wächst die Menge auf über 10.000 Menschen an.

Die prekäre Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter führt bereits am 16. Juni 1953 zu ersten Streiks. Um den Strausberger Platz kommt es zu ersten Versammlungen. Am folgenden Tag beginnt ein landesweiter Aufstand.

Die zentralen Forderungen der Demonstrantinnen und Demonstranten sind die Senkung der Arbeitsnormen, die Freilassung politischer Häftlinge, der Rücktritt der Regierung und nicht zuletzt die Einheit Deutschlands. Um 13 Uhr verhängt der sowjetische Militärkommandant in Ost-Berlin den Ausnahmezustand. Das gewaltsame Vorgehen schwer bewaffneter Truppen und der Einsatz von Panzern führen schnell zum blutigen Ende des Aufbegehrens. Mehr als 50 Demonstrantinnen und Demonstranten verlieren im Zusammenhang mit dem Volksaufstand ihr Leben. Ihre Forderung nach freien Wahlen fanden in der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 und letztlich in den ersten freien Wahlen am 18. März 1990 ihre Erfüllung.

"Barrikade, Bürgerkrieg und Königsmord sind die häßlichen und doch zugleich unerläßlichen Seiten von Demokratie, Verfassung und Parlamentsherrschaft gewesen, und es gibt kaum ein nationales Selbstbestimmungsrecht ohne nationalen Befreiungskrieg." Joschka Fischer, 1994

Nicht zum ersten Mal wird auf dem Strausberger Platz mit einem Aufstand Geschichte geschrieben. Bereits mehr als 100 Jahre zuvor kommt es hier zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Freiheitskämpfern und der Staatsgewalt. Während der Märzrevolution 1848 kämpfen tausende Demonstrantinnen und Demonstranten für eine liberale Regierung, die Aufhebung der Zensur und Pressefreiheit. Am 18./19. März 1848 werden am Strausberger Platz Barrikaden errichtet, die anschließenden Kämpfe fordern hunderte Todesopfer.

Während der Märzrevolution 1848 kommt es am Strausberger Platz zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Freiheitskämpfern und der Staatsgewalt. Es werden Barrikaden errichtet, die anschließenden Kämpfe fordern hunderte Todesopfer.

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»Das merkwürdige Jahr 1848. Eine neue Bilderzeitung.« Der Bilderbogen illustriert die Geschehnisse vom 18./19. März 1848. Lithographie, koloriert. Demonstrierende schwenken die schwarz-rot-goldene Fahne; königliche Soldaten eröffnen das Feuer.

Zerstörungen an einem Wohnhaus am Strausberger Platz. Die Reichsregierung lässt Anfang 1919 den Ausnahmezustand in Berlin verhängen und geht mit äußerster Gewalt gegen Streikende vor. Bürgerkriegsartige Straßenkämpfe sind die Folge, die zu schweren Zerstörungen und zahlreichen Toten und Verwundeten führen.

Samariter­straße

Gedenkveranstaltung für die Opfer der chinesischen Demokratiebewegung vor der Samariterkirche, 28. Juni 1989.

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© Robert-Havemann-Gesellschaft / Siegbert Schefke
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Postkarte / wikimedia commons +
Postkarte / wikimedia commons
Dass Gebete und Kerzen eine Diktatur in die Knie zwingen könnten, haben wir manchmal ja selbst nicht zu hoffen gewagt. Margot Käßmann, ehem. Vorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, 2009.

Der Kampf um Freiheit und Demokratie hat Tradition im Arbeiterbezirk Friedrichshain. Nach der Novemberrevolution 1918 kommt es hier zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen. Besonders im März 1919 liefern sich Aufständische in der Frankfurter Allee Gefechte mit Regierungstruppen. Die Kämpfe in den Wohnvierteln kosten etwa 1.200 Menschen das Leben.

Auch im Vorfeld des Volksaufstandes von 1953 wird im Arbeiterbezirk gestreikt. Am 17. Juni ziehen Arbeiterinnen und Arbeiter über die Frankfurter Allee in Richtung Innenstadt. Später rücken sowjetische Panzer auf gleichem Weg vor und schlagen die Erhebung nieder.

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© Robert-Havemann-Gesellschaft / Bernd Weu

Die Samariterkirche ist in den 1980er Jahren ein wichtiges Zentrum der Opposition in der DDR. Die von Pfarrer Rainer Eppelmann mitbegründeten „Bluesmessen“ verbinden Musikkonzerte mit Gottesdiensten und finden großen Anklang. In der Kirche trifft sich auch der Friedenskreis der Samaritergemeinde – eine der bekanntesten Oppositionsgruppen. Er dokumentiert unter anderem die Fälschung der Kommunalwahl im Mai 1989. Im Juni 1989 schlagen Oppositionelle in der Samariterkirche Klagetrommeln und protestieren gegen die blutige Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung. Während der Friedlichen Revolution dient die Kirche Oppositionsgruppen als Versammlungsort.

Magdalenen­straße

Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS): das Areal zwischen Rusche- und Magdalenenstraße.

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Das Beste an der DDR war ihr Ende. Tom Sello am 27. November 2017

Mit der Besetzung der Stasi-Zentrale durch Bürgerinnen und Bürger soll die Aktenvernichtung endgültig beendet werden., Tausende Demonstrantinnen und Demonstranten finden sich deshalb am Nachmittag des 15. Januar 1990 vor dem Gebäudekomplex ein. Das Gelände wird besetzt und das Ende der Staatssicherheit gewaltfrei besiegelt. Die SED verliert damit eine ihrer letzten Machtstützen. Die Überwachung und Unterdrückung der DDR-bevölkerung findet ihr Ende.

© Bundesarchiv +
© Bundesarchiv

Bürgerkomitees versuchen die Auflösung des Geheimdienstes zu kontrollieren. Doch die Akten sollen verschlossen bleiben. Proteste im September 1990 erzwingen schließlich, dass die Akten geöffnet werden. Ihr Verdienst ist es, dass der Zugang bis heute zu nach rechtsstaatlichen Grundsätzen geregelt ist.